LOLITA

Rottstr 5 Theater in Bochum | LOLITA

nach Vladimir Nabokov
in einer Fassung von Oliver Paolo Thomas
 
mit: Yvonne Forster
Jost Grix
 
regie: Alexander Ritter
 
Fotos: Zaubert gut Fotografie
Birgit Hupfeld
Thorsten Schnorrbusch
 
Regieassistenz: Jasmina Dittrich
Charlotte Weidinger
 
Licht: Simon Krämer
 
Premiere am 27. Januar 2018 um 19.30 Uhr
 
 
 
Der Schriftsteller Humbert Humbert mietet sich einen Sommer lang im kleinen Ort Beardsley ein. Als er sich in Dolores, die minderjährige Tochter seiner verbitterten Hauswirtin Charlotte verliebt, ist dies der Beginn einer tragischen Passion. Durch Zufall und Schicksal wird Lolita zu Humberts Geliebten. Auf der Flucht vor der Wahrheit begibt sich das seltsame Paar auf einen ziellosen Roadtrip durch die USA.
 
"Ich sehne mich nach einer furchtbaren Katastrophe. Einem schrecklichen Desaster. Erdbeben. Grandiose Explosion. Ich wünschte mir, dass ihre Mutter sofort und für immer verschwunden wäre. Und meilenweit alle anderen auch. Lolita in meinen Armen."
 
Nabokovs Roman über die Geschichte einer fatalen Leidenschaft bringt das Rottstr 5 Theater erneut einen modernen Klassiker der Weltliteratur auf die Bühne. Der Schauspieler und Regisseur Alexander Ritter (u.a. "Einmal noch Marseille", "Herz der Finsternis") inszeniert. Regisseur und Theaterleiter Oliver Paolo Thomas (u.a. "Fight Club", "Das Bildnis der Dorian Gray") hat die Theaterfassung des Stoffes für diese Produktion verfasst. Es spielen Yvonne Forster ("American Psycho", "Die Glasmenagerie") und Jost Grix ("Der Kissenmann", "Der Tod und das Mädchen"). 

 

 

PRESSESTIMMEN

 

Herner Sonntagsnachrichten

Jost Grix ("Der Tod und das Mädchen") liefert eine beeindruckende Darstellung des pädophilen Humbert, der sich der Unrechtmäßigkeit seines Begehrens und Handelns zwar bewusst ist, für sein Verlangen jedoch trotzdem Entschuldigen sucht und Lolita gewissenlos manipuliert, um mit ihr zusammen sein zu können. Grix schafft in seiner Interpretation der Rolle den Spagat zwischen dem sympathischen College-Professor und dem widerlichen Pädophilen, dessen Berührungen nicht nur bei Lolita für Unbehagen sorgen. Ist man anfangs noch berührt von Humberts Beichte und des Eingeständnisses verbotener Gedanken, wandelt sich dieses Gefühl zunehmend in Abscheu und Beklommenheit.
Regisseur Alexander Ritter räumt in seiner neunzigminütigen Inszenierung mit dem Vorurteil der Lolita als männerverführendes, frühreifes junges Mädchen auf und macht deutlich, wie die Machtverhältnisse sich wirklich darstellen. Humbert manipuliert und kontrolliert Lolita, die sich schließlich der einzigen Waffe bedient, die ihr bleibt: der Entzug der körperlichen Liebe, um sich wenigstens kleine Freiheiten zu erkämpfen. Am Ende sieht sie sich mit den Scherben ihrer Existenz konfrontiert und es ist wohl symptomatisch, dass sie dafür sich selbst die Schuld gibt. Die Frage der Unrechtmäßigkeit von Pädophilie ist heutzutage glücklicherweise unumstritten, doch aus dem Stück lassen sich auch Lehren über das Verhältnis von Männern und Frauen im Allgemeinen ziehen. Ohne Harvey Weinstein und #metoo würde man darüber vielleicht nicht nachdenken, doch in der momentanen Situation erscheint Ritters Inszenierung auch als Mahnung an eine Gesellschaft, in der Männer ihre Machtposition ausnutzen und dadurch das Leben von Frauen zerstören.

WAZ

Ritter leuchtete die Psychologie der Figuren aus. Jost Grix, in der Rolle des eigenbrötlerischen Literaturprofessors Humbert: seine Leidenschaften und seine Verlustangst lassen ihn zum Entführer der minderjährigen Lolita und zum Mörder werden. Das ständige Mitschwingen der Psychose bringt Grix mit fast minimalen Mitteln auf die Bühne. Bebend sucht er, seine Leidenschaft zu zügeln, bricht nur einige wenige Male aus. Yvonne Forster ist als überdrehte Mutter Charlotte und als Tochter Lolita in einer Doppelrolle zu sehen. Die Lolita gibt Forster als echten Wildfang: barfuß und mit offenen Haaren. Das psychologische Spiel zwischen der absoluten Abhängigkeit und dem Willen zur Freiheit zeigt sie verstörend gut. Der Traurigkeit ihrer Situation verleiht sie im Live-Gesang wunderschön Ausdruck. Hier darf die Figur, die sonst eher klischeehaft und kapriziös angelegt ist,Tiefe zeigen. Wunderbar exerzieren beide Schauspieler die Stille – lassen so die Sackgasse aufleuchten, in der beide stecken, aber ebenso ihre Zuneigung. Ein symbolhafter Apfel, ein Bett auf der Bühne reichen der Inszenierung als Andeutungen.

In der Theaterfassung von Oliver Paolo Thomas spielt das Stück mit Vorausschauen und flechtet immer wieder Humberts innere Monologe ein – in seinen Tagebucheinträgen tritt die manchmal schwülstige Sprache aus Nabokovs Romanvorlage hervor, wie die „unstillbare Glut meines Verlangens“. Videocollagen stellen Reminiszenzen an die berühmten Romanverfilmungen her, sie sorgen auch für amerikanisches Straßen-/Motel-Flair.

BSZ

Vladimir Nabokovs vielschichtige wie umstrittene Vorlage wird auf ein 90-minütiges Kammerspiel skelettiert. Es bleiben die Schlüsseldialoge und die wesentliche Handlung: Der Literaturdozent Humbert kann seit dem Tod seiner damaligen Jugendgeliebten nicht seine Zuneigung zu Mädchen des gleichen Typus’ unterdrücken. Auf einer Durchreise trifft er auf die 12-jährige Lolita.  Jost Grix gibt einen Humbert, der verkrampft an der Bettkante kauert, als Kontrollfanatiker explodiert oder wieder in die Rolle des zynisch-distanzierten Ich-Erzählers schlüpft, aus der bekanntlich auch Nabokovs Vorlage geschildert wird.

Der Rest spielt sich in den Dialog-Szenen in den Motels ab, deren Interieurs das Bühnenbild karg illustrieren: ein Ehebett, ein kleiner Tisch, ein Kühlschrank, ein Vorhang. Abgesehen von Lolitas Mutter (in deren Rolle Yvonne Forster mit Marlene-Dietrich-Perücke wechselt) finden die Nebenfiguren und die Außenwelt nur noch in den Wortwechseln der beiden Hauptfiguren Erwähnung. Oder in dem grellen Licht, das durch den Vorhang blinkt. Drinnen regiert Humberts Trauma: Yvonne Forsters Lolita streift sich zu den Klängen einer pop-polierten „Mr. Sandman“-Version die Kleidung von Humberts verstorbenen Jugendgeliebten über. Den nächsten Popsong – „Lost Boy“ von Ruth B. –  haucht sie selbst ins Mikro: Verse, die das Peter-Pan-Motiv des Widerstands an die Adoleszenz aufgreifen und Humberts Trauma wie Perversion kommentieren. Denn diese werden in Ritters Inszenierung verdichtet: eine düstere Auslotung einer kaputten Seele.

STADTSPIEGEL

"LOLITA, der wohl berühmteste Roman des russisch-amerikanischen Schriftstellers Vladimir Nabokov (...), lässt sich nur schwer für Film oder Bühne adaptieren. Wie das dennoch gelingen kann, zeigt derzeit das Rottstr5-Theater.
Die Inszenierung ist ein für den Zuschauer regelrecht schmerzhafter Blick in die Seele des Pädosexuellen Humbert Humbert. (...) Durch atmosphärische Video- und Musikzuspielungen gelingt Regisseur Alexander Ritter ein verstörender Trip in eine Welt, in der sich die Maßstäbe immer weiter verschieben."