EINMAL NOCH MARSEILLE

Rottstr 5 Theater in Bochum | EINMAL NOCH MARSEILLE [Fotos © Sabine Michalak]

PREMIERE: 28. März (Donnerstag) 2013

Von Alexander Ritter nach dem Roman von Björn Kern

„Ich werde mich nicht mehr bewegen können“, sagt die Mutter. „Ich werde nicht mehr schlucken können, und am Ende ersticke ich.“

Das Leben in derer Kleinfamilie wird kompliziert und grotesk: Längst führt der Sohn, der Erzähler, ein eigenes Leben, aber Die Diagnose der Mutter zwingt ihm eine Nähe auf, die alles auf den Prüfstand stellt. Eine Belastung für die Nerven, eine Herausforderung, dennoch zu lieben und füreinander da zu sein.
Der Sohn hilft der Mutterer, hilft demem Vater, hilft sich selbst. Die Mutter ist vital, kämpft um jeden Fussbreit Leben, heroisch, unerträglich, liebenswert.

Regie: Alexander Ritter
Mit: Katharina Brenner, Jost Grix, Charlene Markow [2013] / Anna Döing [2014], Bernhard Schmidt-Hackenberg
Kostüm: Julia Nitschke

Pressestimmen:

WAZ

"(…) Dabei trifft der unbändige Lebenswille der Mutter auf die Emanzipierungsbestrebungen des Sohnes, trifft die Liebe des treu sorgenden Ehemanns auf die nach letztmaliger Freiheit strebende Lebenslust der Ehefrau. Das sind unauflösbare Konflikte, das ist ein dramatischer, zeitloser Stoff. (…)
Die Umsetzung ist zuweilen brillant geraten. Katharina Brenner spielt die Mutter ohne eine Sekunde des Zweifels, ohne Zurschaustellung des Leidens, stattdessen nervtötend zwischen stoischer Duldsamkeit und permanenter Lebensgier. Bernhard Schmidt-Hackenberg gibt den Sohn, hilflos, jung und erfahrungsarm in die Situation geworfen. Jost Grix ist der Ehemann, dessen Autorität schuldlos zerbröselt angesichts der existenziellen Herausforderung. Und Charlene Markow ist die Freundin, auch sie hilf- und schuldlos, fast erstaunt ausgeliefert. (…) Als Zuschauer ist man mittendrin in dieser seltsamen, peinlichen langen letzten Party. Das Publikum sitzt auf der Bühne, verwehrt bleibt die Perspektive des Beobachters. Selbst nach dem Schlussapplaus versperrt ein Tisch den einfachen Ausweg. Es gibt eben keinen."

RUHR-NACHRICHTEN

"Autor Björn Kern erzählt in "Einmal noch Marseille" vom Tod seiner Mutter, genauer: vom Prozess des Sterbens und was er auch mit ihm und seiner Familie gemacht hat. Alexander Ritter, der zum ersten Mal Theater-Regie führt, legt die Erinnerungsreise an den Sterbeprozess als eine (letzte) ausgedehnte Feier des Lebens an - und der Zuschauer ist mittendrin. Er nimmt auf engen Stuhlreihen im Bühnenraum Platz und beobachtet die vier Darsteller beim Tanzen und Trinken. Irgendwann steigt die Mutter auf den Tisch und verkündet ihr Todesurteil: "Ich werde mich nicht mehr bewegen können, nicht mehr schlucken, aber ich werde eigenständig bleiben."

Die Inszenierung ist grob in zwei Phasen aufzuteilen: In der ersten überwiegen die schönen und poetischen Momente im Leben mit der Gewissheit des baldigen Todes und nach einer knappen Stunde verlässt die Mutter das trubelige Geschehen zu drängender Musik und Lichtgewitter wie eine Partyqueen durch die Vordertür. Dann ist sie plötzlich wieder da, hält verzweifelt am Leben fest - was die Inszenierung schonungslos erzählt. Auch für den Zuschauer ist quälend, wie sie leidet, ihren Angehörigen keine Sekunde Ruhe lässt.Katharina Brenner spielt die Mutter grandios zwischen Lebenslust, Verzweiflung und Verbitterung."

„Ein jeder Phase elektrisierendes, geradezu existenzialistisches Theater-Erlebnis. (...) Der Einstieg Alexander Ritters ist grandios: die Zuschauer schlüpfen, völlig unbewusst, in die Rolle der Freundinnen. (…) Alexander Ritters szenische Umsetzung binnen stets spannender 90 Minuten ist so einfach wie effektiv: vom Fragment gebliebenen Audiogruß der Mutter an die Familie über das Rollbrett mit Kinosessel, (…) liefert der Regie-Debütant eine reife Leistung mit minimalem Requisiten-Einsatz.
Geradezu existenzialistisch wird’s in der klaustrophobischen Enge der Glückaufbahn-Bögen, wenn das Stationendrama durch grelle Lichteffekte zäsuriert wird – vom Angriff auf die Gesundheit durch die permanente Raucherei auf der Bühne einmal ganz abgesehen. „Einmal noch Marseille“ ist also in vielfältiger Weise ein Ereignis."
(Herner Sonntagsnachrichten)