OTHELLO

Rottstr 5 Theater in Bochum | OTHELLO  

mit

Dirk Hermann
Tim-Fabian Hoffmann
Felix Lampert
Aischa-Lina Löbbert

Regie: Konstanze Kappenstein

Regieassistenz: Bünyamin Atas, Jasmina Dittrich

Fotos: Sabine Michalak, Maren Leerhoff

 

Premiere: Donnerstag, 4. Februar 2016

 

 

Unser Körper ist ein Garten und unser Wille ist der Gärtner dazu. Ob wir ihn durch Nichtstun unfruchtbar werden lassen oder ihn fleißig düngen wollen - das steht in unserer Macht, und das alles können wir ändern und korrigieren, je nach unserem Willen. Wenn die Waage unseres Lebens nicht eine Schale der Vernunft hätte, um eine andere Schale der Sinnlichkeit aufzuwiegen, dann würde das Blut und das Niedrige in uns uns zu den ausgefallensten Sachen verführen: Aber wir haben die Vernunft, um unsere wilden Leidenschaften zu kühlen, unsere fleischlichen Anstachelungen, unsere zügellosen Begierden. Und daraus schließe ich: Das, was du Liebe nennst, ist nur ein Setzling, nur ein Ableger.
Es ist nur eine Begierde des Bluts und eine Nachgiebigkeit des Willens.
Wir sind veränderlich in in unserem Willen.
Ich bin nicht, was ich bin.
Aber wer bin ich dann? Was, wenn ich dem Niedrigen in mir nachgebe? Wem kann ich vertrauen, wenn nicht mir selbst?
Ich frag mich, wo ich all die Zeit war? Verliebt in die Welt. Veliebt in die Liebe.
Die Welt ist ein Sumpf. Flieg über die Welt hinweg. Einfach hinweg.

Pünktlich zum Shakespeare-Jahrestag zeigt Regisseurin Konstanze Kappenstein in ihrer ersten Inszenierung für das Rottstr 5 Theater eine einzigartige Vision des Klassikers Othello.

 

PRESSESTIMMEN

So hat denn Konstanze Kappenstein den alten Othello auf überzeugende Weise ins Heute geholt. Sie lässt ihn spielen in einer Mischung aus exzellent vorgetragener klassischer Übersetzung und moderner Umgangssprache und mit einem Personal, dass man jederzeit auch im benachbarten Bochumer Bermuda3eck antreffen könnte. Dass man sich dort in Desdemona verlieben könnte und diese rund um den Bochumer Hauptbahnhof die reinsten Eifersuchtsdramen auslösen würde, mag man angesichts der kecken Powerfrau, die die junge Aischa-Lina Löbbert an der Rottstraße darstellt, unbesehen glauben. Am Ende aber ist Desdemona nicht nur physisch tot, sondern längst psychisch zerstört. „Ich denke, jetzt müsste große Finsternis sein“, sagt nun wieder Othello 1. „Es ist die Schuld des Mondes. Er kommt der Erde näher als er pflegt und macht die Menschen toll.“

Das ist dann wieder Shakespeare. Toll macht nicht der Mond, sondern die gespaltene oder instabile Persönlichkeit. Toll macht der Mangel an Vertrauen. Und toll sind Textfassung und Spiel im Theater an der Rottstraße.

Theater Pur

 


Es ist ein guter Text. Zudem verfügt die Regisseurin über gute Schauspieler. Aischa-Lina Löbbert als Desdemona zwischen laszivem Luder und ehelicher Kuscheldecke, der gewohnt starke Felix Lampert in der Rolle des Othello zwischen Virilität und Naivität. Tim-Fabian Hoffmann als still dräuende Zwietracht. „Star“ des Abends ist aber Dirk Hermann als heimtückischer Jago.

WAZ

Geschickt wechseln die Schauspieler zwischen Shakespeare’schem Blankvers und bolleriger Umgangssprache. Und niemandem auf dieser Bühne gelingt das so gut wie Aischa-Lina Löbbert: im rhythmisch wohlklingenden Wortlaut des Originals redet sie auf Othello ein, dann platzt es aus ihr raus: „Othello, verdammt Hacke!“ und mit einem Knall ist jede Distanz überwunden. Desdemona steht direkt vor einem, man möchte ihr einen Drink ausgeben. Überhaupt gelingt es Löbbert die Gattin Othellos, und eigentliche Hauptfigur der Inszenierung, bravourös in all ihren Facetten darzustellen: als verspielte Verführerin, als personifizierte Coolness beim Sonnenbad und nicht zuletzt auch als zerstörtes Elend: Jagos Intrigen lassen nichts an der ehemals so starken Frau, sie besteht nur noch aus einer Frage: Warum bin ich eine Hure? Aber was bedeutet schon „Hure“, außer, dass es ein nützlicher Kampfbegriff ist. Mit der zerstörten Desdemona hätte das Stück auch enden können, Schaukämpfe im Stroboskoplicht hat niemand mehr gebraucht. Allein deshalb, weil Lampert den erst liebenswert dösigen, und dann gefährlich verwirrten Othello bestens in Szene setzt. Doch das trübt nicht das inzwischen blutige Wässerchen, in dem die Schauspieler waten: Das Spiel mit Jambus und Jargon, der Kontrast von zuckersüßer Liebe und bitterer Galle – all das überwiegt, und macht Kappensteins „Othello“ zu einer sehenswerten, ausgefallenen und zeitgeistigen Inszenierung eines zeitlosen Stoffes.

 

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