CALIGULA

Caligula im Bochumer Theater Rottstr5

nach Albert Camus
Teil 1 der Rom-Reihe Traumastadt 2013

Caligula - Martin Bretschneider
Caesonia - Lisa Balzer
Helicon - Damir Avdic
Scipio - Bernhard Schmidt-Hackenberg
Cherea - Marco Massafra

Regie & Textfassung - Marco Massafra
Mitarbeit Regie - Ariane Kareev
Assistenz - Klara Linge, Svenja Marzinowski, Simon Krämer

Premiere: 08. September 2013

"Diese Welt ist so, wie sie gemacht ist, nicht zu ertragen. Darum brauche ich den Mond, oder das Glück oder die Unsterblichkeit, etwas, was unsinnig sein mag, was aber nicht von dieser Welt ist."

Mit verrückten Kaisern kennen wir uns aus. Aber dieser ist nicht verrückt genug.

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Mensch bei uns über unumschränkte Macht verfügt, aber zum ersten Mal bedient er sich ihrer unumschränkt und geht soweit, den Menschen und die Welt zu leugnen. Caligula verwandelt seine Philosophie in Leichen, und zu unserem Unglück ist es eine Philosophie, die keine Einwände kennt.  Diese zweckfreie Bosheit muss man überlisten. Wir müssen sie immer weiter in ihre Richtung hineintreiben und warten, bis diese Logik in Wahnsinn umschlägt. Wahren wir den Schein. Das römische Reich sind wir. Wenn wir das Gesicht verlieren, verliert das römische Reich den Kopf.

 

TraumaStadt 2013

Rom ist Schicksal: Schon die allzu klaren Augen der Seherin des zerstörten Trojas blicken dorthin. Rom ist Krieg: Ihre Armeen verschlingen ganze Völker und werfen sie der Stadt zum Fraße vor. Rom ist Macht: Kaiser, Senatoren und Patrizier spielen immerzu das Spiel der Politik und des Aufstiegs. Rom ist Irrsinn: Wie ein Geschwür wächst es, und die Keimzelle des Wahns sitzt auf einem bröckelnden Thron.
Wie wird Rom enden?

 

Pressestimmen

"So wenig braucht man also, um grandioses Theater zu machen."  365tage-camus.de

"Caligula – Tyrann aus Weltekel." theater:pur

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RUHR-NACHRICHTEN

Genialer Caligula eröffnet die Rom-Reihe

Die Inszenierung "Caligula" lebt von einer unglaublichen Ruhe. BOCHUM Humorvoll, packend und voller Geduld, so beginnt das Rottstr5-Theater mit Caligula seine Rom-Reihe "Traumastadt". Marco Massafra inszeniert das Werk von Albert Camus durchweg großartig, obwohl der Stil des Stücks zur Mitte hin einmal eine Kehrtwende macht und seinen zynischen Humor fast verliert. Als Kaiser Caligula von Rom seine Schwester und Geliebte Drusilla verliert, erkennt er die Sinnlosigkeit des Lebens, möchte diese seinem Volk durch Grausamkeit klarmachen, möchte Gleichmachen, den Menschen verleugnen und damit Freiheit schaffen.Sein Tun stößt bei seinen Gehilfen auf entgegengesetzte Meinungen: Die einen sehen in ihm nur das perverse Scheusal, die anderen versuchen, die Gedankengänge des vermeintlichen Monsters zu verstehen. Caligula kämpft bis zum Ende, doch scheitert schlussendlich an sich selbst und seiner Philosophie der Gleichgültigkeit.

Rom als Konferenzzimmer

Marco Massafra inszeniert den Schreckensherrscher im Anzug, Rom als Konferenzzimmer. Das schafft den direkten Bezug in die Gegenwart, zeigt unmissverständlich: Das römische Reich Caligulas ist heute. Die Inszenierung lebt von einer unglaublichen Ruhe: „Geduld, das bewundere ich am meisten an euch“, sagt Caligula einmal.Link zur HomepageRottstraße 5Und genau die fordert das Stück in der Rottstraße von den Zuschauern ein. Bereits in den ersten Minuten lebt alles durch die Spannung in der Ruhe, durch das gemächliche PC-Einschalten, das gemütliche Schreiben, das langsame Kaffee-Machen. Und auch die Dialoge, in denen jedes Wort Gold wiegt, werden oft mit einer Engelsgeduld inszeniert. Nur gelegentlich (gegen Ende jedoch zu oft) bricht die Aggression pochend aus ihrem Käfig.

Humoristischer Stil bricht

Und noch etwas zeichnet die Aufführung am Sonntag aus: Humor. Caligula ist allerdings kein Lustspiel, viel mehr sind es die subtilen Kleinigkeiten wie der „S.P.Q.R.“-Bildschirmschoner im Hintergrund oder wie die Untergebenen des Kaisers wortwörtlich nach seiner Pfeife tanzen.Doch dieser Stil bricht etwa zur Hälfte des Stücks. Die Ruhe weicht mehr und mehr den Ausbrüchen des Kaisers, der Humor verliert sich zum Ende hin bis auf eine Szene, in der die Gehilfen des Kaisers Gedichte über den Tod vortragen, nahezu völlig. Was bleibt, ist trotz allem noch eine unglaublich packende Aufführung mit großartiger schauspielerischer Leistung und tiefen Dialogen. Aber keine mit besonderer Eigenheit.

Eigentlich zwei Inszenierungen

Im Grunde zeigt Massafra zwei „Caligula“-Inszenierungen: Eine zeitgemäße mit satirischem Augenzwinkern und eine klassische, wie man den Caligula erwarten würde. Die erste gefällt durch ihren Humor besser, aber beide sind genial und somit ist „Caligula“ im Rottstr.5-Theater ganz klar einen Besuch wert.

Nathanael Ullmann

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WAZ

Der Blutsäufer als getriebener Philosoph

Im Theater Rottstraße 5 hat Marco Massafra Albert Camus’ Ideen-Drama „Caligula“ mit messerscharfen Bildern, doch ohne vordergründige Gewalt-Effekte eingerichtet.

Ist er abgrundrundtief böse, schlechterdings wahnsinnig oder ein Freigeist im Amok-Modus? Schwierig zu entscheiden für Caligulas Hofstaat, doch ist ihr Chef ist nach dem Tod seiner Schwester und Bettgenossin Drusilla definitiv schwer verändert zurückgekehrt. Sein Amoklauf gegen Staat, Gesellschaft und Weggefährten bildet das dünne Handlungsgerüst von Albert Camus’ Ideen-Drama „Caligula“ in der Version des Rottstr.5-Theaters. Marco Massafra hat es mit messerscharfen Bildern, doch ohne vordergründige Gewalt-Effekte eingerichtet.

Ein alter Computer zirpt im Hintergrund, eine Kaffeemaschine röchelt, rund um einen Tisch läuft das auf fünf Darsteller heruntergekürzte Philosophie-Drama des französischen Existenzialisten ab. Caligula (Martin Bretschneider) behauptet, es genüge, genauso grausam wie die Göttern zu sein, um ihnen zu gleichen. Verbrechen, Zerstörung, Grausamkeit dienen gleichsam als Beweis der absoluten Freiheit, dem notwendigen Erreichen der Befreiung von allen falschen Werten: Blendende Dialektik, die den logischen Weg in den eigenen Tod einschließt.

Die Inszenierung lässt den getriebenen Total-Philosophen kollidieren mit der Welt - das produziert Leichen. Bretschneider gibt diesen Caligula zwischen Shakespeares’ Königs-Ungetümen, dem bissigen Aberwitz eines „König Ubu“ und dem verbeamteten Sadisten im Anzug. Dagegen: Caesonia (Lisa Balzer) versucht es mit Liebe, Helicon (Damir Avdic) mit Kumpelei, Scipio (Bernhard Schmidt-Hackenberg) changiert zwischen Unterwürfigkeit und Flucht, Cherea (Marco Massafra) ist ein ängstlicher, intellektueller Pragmatiker. Ein sehr starkes Ensemble mit vielen beeindruckenden Momenten, hoch konzentriert und scharf akzentuierend.

Die Inszenierung kann zwar nicht ganz über 90 Minuten die Spannung halten, findet aber immer wieder neue drastische Bilder für zwischenmenschliche Gewalt. Physisch und psychisch. Ein Abend, der wahrlich keine Fragen beantwortet, aber große Fragen formuliert.

Tom Thelen